“Wir wollen, dass jedes Kind und jede Lehrkraft ein digitales Endgerät hat.”
Am 25. April 2027 wird der Landtag Nordrhein-Westfalen neu gewählt. In wenigen Wochen, vom 13. bis zum 15. November 2026, findet ein Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen NRW in Essen statt, auf dem das Wahlprogramm der Grünen beschlossen werden soll. Deren Vorstand hat dazu einen Vorschlag vorgelegt, der öffentlich einsehbar ist: siehe Punkt 4 der Tagesordnung; darunter sind sowohl die einzelnen Kapitel des Wahlprogrammentwurfs (WP-01 bis WP-06) als auch schon eingegangene Änderungsanträge aufgeführt. Das dritte Kapitel trägt die Überschrift “Ein Land der Chancen”. Hierin geht es um das Bildungssystem von der Kita bis zur Hochschule.
Ich gehe hier nur auf einen Aspekt im Schnelldurchgang ein: Was wollen die Grünen im Hinblick auf die Digitalisierung im Bildungsbereich?
Unten im Anhang findet sich ein Auszug aus dem Kapitel “Ein Land der Chancen”. Was darin im Hinblick auf die Digitalisierung zu lesen ist, ist irritierend. Ich habe keine Stelle entdeckt, an der die Digitalisierung (insbesondere im Schulwesen) grundsätzlich kritisch hinterfragt würde. Stattdessen ist unter anderem zu lesen:
- “Uns geht es um ein Bildungssystem, das […] den digitalen Wandel begleitet […]” — Was soll das heißen?
- “Digitale Bildung darf nicht vom Wohnort, der Schulform oder dem Schulträger abhängen.” — Was ist das, “digitale Bildung”?
- “Wir sorgen dafür, dass informationstechnische Grundlagen und eine kritisch-reflektierte KI-Grundbildung allen zugänglich werden.” — Was ist das, eine “kritisch-reflektierte KI-Grundbildung”?
- “Wir wollen, dass jedes Kind und jede Lehrkraft ein digitales Endgerät hat […].” — Warum? Was ist der Nutzen davon?
- “Digitale Werkzeuge helfen uns zudem, Bildungsqualität sichtbar zu machen: Wir bauen ein durchgängiges Bildungsmonitoring auf, das individuelle Lernverläufe in den Blick nimmt und als verlässliche Grundlage für politische wie pädagogische Entscheidungen dient.”
- Es ist ferner die Rede von “ausgeweiteten Angeboten zu digitalen, auch KI-gestützten Lehr- und Lernformaten” und von der “digitaler Welt”.
Man könnte meinen, der Vorstand der Grünen NRW will das Motto “Digital first, Bedenken second” neu auflegen. Mit diesem Motto — welches de facto besser “Digital first, Bedenken (fast) nirgends” hätte lauten müssen — ist die FDP 2017 in den NRW-Landtagswahlkampf gezogen. Von 2017 bis 2022 hat die schwarz-gelbe Landesregierung dann diesem Motto getreu gehandelt, insbesondere das damals FDP-geführte Schulministerium (siehe zum Beispiel meinen Artikel “Medienkompetenzrahmen NRW: Was für ein kleinkarierter, seelenloser Quatsch!”).
Hat der Vorstand der Grünen nicht mitbekommen, dass unter anderem Schweden und Dänemark die Digitalisierung der Schulen zurückfahren? (Siehe meinen Artikel “Schweden fährt die Digitalisierung der Grundschulen zurück”; darin zitiere ich Ralf Lankau: “Mattias Tesfaye, der sozialdemokratische Minister für Kinder und Bildung Dänemarks, hat sich in einem Interview mit der dänischen Tageszeitung Politiken vom 12. Dezember 2023 dafür entschuldigt, dass die dänische Regierung Kinder und Jugendlichen zu ‘Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment’ gemacht habe, dessen Ausmaß und Folgen nicht zu überblicken seien.”)
Hat der Vorstand der Grünen das Gutachten “Die ‘Digitale Welt’ im Diskurs” von Karl-Heinz Dammer (Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg) nicht gelesen? Darin heißt es: “Das wichtigste Merkmal des Begriffs [‘Digitale Welt’, A.R.] ist, dass er Geschlossenheit suggeriert: Es gibt zu dieser Welt kein Außen mehr und folglich spielt sich alles, was im Hinblick auf Digitalisierung unternommen wird, a priori in diesem Universum ab. Die Welt erscheint bereits an sich als eine digitale und was in ihr geschieht, muss notwendig auf Digitalität bezogen sein. Damit wird das technische Medium verabsolutiert und verliert die dem Begriff ‘Medium’ innewohnende Vermittlungsfunktion: […].”
Hat der Vorstand der Grünen noch keinen Artikel von Ralf Lankau zum Thema “digitale Medien (in der Schule)” gelesen? (Zum Beispiel “Digitalisierung als Heilslehre. Über das Missverständnis von Medientechnik im Unterricht”.)
Hat der Vorstand der Grünen noch nicht mitbekommen, dass das Schulministerium die pädagogische Freiheit so sehr eingeschränkt hat, dass Lehrer nicht mehr die Wahl zwischen analogen und digitalen Medien haben? (Siehe meinen Artikel “Digital first, pädagogische Freiheit second”.) Wie findet der Vorstand der Grünen das?
Hat der Vorstand der Grünen sich jemals kritisch mit dem “Bildungsmonitoring” auseinandergesetzt? (Siehe einen meiner ersten Artikel auf diesem Blog: “Bildung und Schule unter dem Regime von PISA, Bertelsmann & Co.”.)
Hat der Vorstand der Grünen noch nie etwas von der Forderung nach einem Recht auf analoges Leben gehört? (Siehe zum Beispiel “Digitalzwang ist Diskriminierung. Heribert Prantl fordert Grundrecht auf analoges Leben”, Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V.)
Liebe Grüne in NRW: Ich bitte Sie dringend, das Kapitel “Ein Land der Chancen” zu überarbeiten, bevor es als Teil des Wahlprogramms beschlossen wird. Sind Sie dazu bereit?
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Anhang
Auszug aus dem Kapitel “Ein Land der Chancen” des vorgeschlagenen Wahlprogramms
Uns geht es um ein Bildungssystem, das Familien im Alltag entlastet, den digitalen Wandel begleitet und Talente unabhängig von ihrer Herkunft fördert; […]. […] Die Dokumentation der Sprachstandsentwicklung soll digital erfolgen, auch zur Arbeitserleichterung der Fachkräfte. […] Weil digitale Medien den Familienalltag schon in den ersten Lebensjahren prägen, verankern wir Medienkompetenz als festen Baustein der Frühen Hilfen: Wir qualifizieren Fachkräfte, bauen niedrigschwellige Beratung aus und unterstützen Eltern dabei, ihre Kinder von Anfang an sicher durch die digitale Welt zu begleiten.
Digitalisierung soll zugleich die Arbeit in unseren Kitas einfacher machen. Digitale Anwendungen können Fachkräfte bei Dokumentation, Organisation und Verwaltung entlasten und so mehr Zeit für die Arbeit mit den Kindern schaffen. Dafür wollen wir die digitale Ausstattung der Kitas verbessern und auch Bundesmittel für die Finanzierung notwendiger Endgeräte nutzen. […]
Mit einem Landesprogramm „Digital Streetwork – Jugend NRW“ bringen wir aufsuchende Sozialarbeit ins Netz, also dorthin, wo viele Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit verbringen und schützen sie so früher vor mentalen Krisen und Radikalisierung. […] Die Sozialen Medien sind für junge Menschen Orte der Kommunikation, Information und Teilhabe. Es sind aber auch Orte, an denen sie Hass, digitaler Gewalt, Cybergrooming und gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind. […] Angebote wie das “Internet-ABC” und die “Medienscouts NRW” vermitteln Kindern und Jugendlichen Wissen und Kompetenzen für einen sicheren, selbstbestimmten und kritischen Umgang mit digitalen Medien. […] Für 13- bis 15-Jährige sollen nur Plattformen zugänglich sein, die den Jugendschutzanforderungen des Digitale-Dienste-Gesetzes (Digital Services Act) entsprechen. […]
So verbinden wir Schutz und digitale Teilhabe, statt Verantwortung allein auf junge Menschen und ihre Eltern abzuwälzen. Kinder und Jugendliche beziehen wir in die Weiterentwicklung des Jugendmedienschutzes ein und setzen die Handlungsempfehlungen der Unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ für NRW konsequent um. […]
Lehrkräfte verstehen wir dabei als Begleiter*innen individueller Lernwege. Kinder und Jugendliche können ihr Lernen aktiv mitgestalten und eigene Stärken entdecken. Fort- und Weiterbildung gestalten wir gemeinsam mit den Hochschulen neu und verbindlicher: mit verpflichtenden Fortbildungen zur wachsenden Heterogenität der Klassen und zum Umgang mit Inklusion und Einwanderungsgesellschaft, zu Vielfalt, Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie mit ausgeweiteten Angeboten zu digitalen, auch KI-gestützten Lehr- und Lernformaten. […]
Für Schüler*innen mit Long Covid und anderen chronischen Krankheiten wie ME/CFS fordern wir flexible Leistungsbewertungen, individualisierte Präsenzpflichten im Rahmen der Oberstufenreform sowie rechtssicher abgesicherte hybride und digitale Teilhabe. […]
Digitale Bildung darf nicht vom Wohnort, der Schulform oder dem Schulträger abhängen. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Schüler*innen und Lehrkräfte in NRW dauerhaft Zugang zu funktionierender technischer Infrastruktur sowie sicheren, datenschutzgerechten und kostenfreien digitalen Bildungswerkzeugen erhalten. Wir sorgen dafür, dass informationstechnische Grundlagen und eine kritisch-reflektierte KI-Grundbildung allen zugänglich werden. Wir wollen, dass jedes Kind und jede Lehrkraft ein digitales Endgerät hat und wollen die Kommunen auf diesem Weg begleiten. Dazu gehören auch ein Glasfaseranschluss mit mindestens 1 GBit/s symmetrisch, leistungsfähiges WLAN und IT-Assistenz vor Ort. Mit den Städten und Gemeinden entwickeln wir die Lernmittelfreiheit weiter und öffnen sie für neue digitale Inhalte und Anbieter. Digitale Werkzeuge helfen uns zudem, Bildungsqualität sichtbar zu machen: Wir bauen ein durchgängiges Bildungsmonitoring auf, das individuelle Lernverläufe in den Blick nimmt und als verlässliche Grundlage für politische wie pädagogische Entscheidungen dient. So steuern wir Bildung datengestützt und systematisch weiter, statt sie nur zu verwalten. […]
Der Betrieb digitaler Werkzeuge darf nicht von Konzernen außerhalb des Rechtsraums der EU abhängen. Daten von Schüler*innen und Lehrkräften müssen in europäischer Hand bleiben und dürfen nicht in die Geschäftsmodelle einzelner Anbieter einfließen. Ergänzend benötigen wir praxisnahe Fortbildungen, die Lehrkräfte befähigen, digitale Werkzeuge im Unterricht einzusetzen und ihren sachgerechten Umgang damit zu vermitteln. Gemeinsam mit Stakeholder*innen erarbeiten wir eine “White List”, die datenschutzrechtliche Empfehlungen für digitale Lernwerkzeuge gibt. Zudem fördern wir digitale Lernräume gezielt über die Schule hinaus und verbinden so, bspw. über Bibliotheken, Werkstätten und Jugendzentren, schulisches und außerschulisches Lernen. […]
Berufskollegs haben eine zentrale Rolle in der beruflichen Bildung. Wir statten sie zeitgemäß digital aus, unterstützen sie mit Personalressourcen sowie mehr eigener Personalverantwortung bei der Stellenbesetzung. […] Dazu setzen wir verstärkt auf Ausbildungsbotschafter*innen, Orientierungstage an Schulen, digitale Beratung, mehr Praxisabschnitte und gendersensible Berufsorientierung. […]
Weiterbildung darf kein Privileg für Menschen in Großunternehmen sein. Digitale Grundkompetez gehört für uns in jedes Lebensalter. Gerade ältere Menschen wollen wir mit niedrigschwelligen Angeboten für den Umgang mit digitaler Verwaltung und sozialen Medien fit machen. […]
Wir stärken ihre Zusammenarbeit und Digitalisierung [der Studierendenwerke, A.R.], schaffen mehr Planungssicherheit und entwickeln ihre Finanzierung und Strukturen so weiter, dass bezahlbares Essen, Wohnraum, Beratung und weitere soziale Angebote dauerhaft gesichert werden können. […]