“Medien sind selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt von Kindern: als Teil der Kinderkultur, als Freizeitaktivität, Spielgerät, Unterhaltungsmedium und so manches Mal auch als Babysitter.”
Die Gefahren, die mit einer zu frühen oder übermäßigen Benutzung von Smartphones und anderen Bildschirmmedien einhergehen, sollten inzwischen hinlänglich bekannt sein (falls nicht: siehe Anhang I). “Für Kinder und Jugendliche gilt im Allgemeinen: Je weniger Bildschirmzeit, desto besser”, heißt es unmissverständlich in der “Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend” der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (1. Auflage 2022).
Im Ministerium für Kinder, Jugend und Familie des Landes NRW unter der Leitung von Verena Schäffer (Grüne) haben sich die zugehörigen Warnungen offenbar noch nicht überall herumgesprochen. Sonst wäre der Inhalt der Internetseite “Medienbildung” auf kita.nrw.de (verantworlich: das Ministerium) längst überprüft und überarbeitet worden. Allein das Titelfoto (siehe Anhang II) spricht Bände. Hierdurch wird nahegelegt, dass ein Tablet ein Kleinkind glücklich macht. Auch die folgenden Formulierungen deuten nicht auf ein angemessenes Risikobewusstsein des Ministeriums hin:
- “Der pädagogische Einsatz von Tablets & Co. und der Erwerb der Medienkompetenz erobern die Kindertagesbetreuung.”
- “Modellprojekt ‘Digitale Medien in der frühkindlichen Bildung – Medienbildung in der Kita'”
- “Häufig sind Kinder fasziniert von Medien. Wie selbstverständlich beherrschen sie den Umgang mit Tablets, PC, Fernsehen und Smartphones. Der Umgang mit Medien bietet diverse Sprachanlässe, […].”
- “Kinder haben heute immer früher Zugang zu digitalen Medien. Sie sind als Teil der Lebenswirklichkeit von Kindern und Familien auch aus dem pädagogischen Alltag von Kindertageseinrichtungen nicht mehr wegzudenken.”
Außerdem ist auf der Seite zu lesen:
Auch Apps und Software können zur Sprachbildung eingesetzt werden. Beispielsweise empfiehlt die Stiftung Lesen Kinderbuch-Apps und interaktive Geschichten, die in Kombination mit Büchern verwendet werden können: […] Kinder lernen Sprache durch Interaktion mit (echten) Gesprächspartnern, sie müssen sich aktiv beteiligen und benötigen eine Rückmeldung von ihrem Gegenüber. Dies kann nicht allein durch einen Bildschirm gelingen. […] Entscheidend bei der Mediennutzung zur Sprachbildung ist also die Begleitung durch Erwachsene, die zum einen bewusst die Auswahl treffen und die Passung zum Entwicklungsstand des Kindes sicherstellen müssen und zum anderen eine aktive sprachliche Auseinandersetzung mit den Inhalten anregen können.
“Dies kann nicht allein durch einen Bildschirm gelingen”: Bedarf es überhaupt eines Bildschirms, um Sprache zu erlernen? Wenn Erwachsene ohnehin die Kinder begleiten, warum sollen dann die Erwachsenen nicht direkt mit den Kindern sprechen — ohne digitales Medium?
Die Seite “Medienbildung” enthält zwar eine Warnung:
Dabei sollte vor allem auf einen dosierten Umgang mit Medien geachtet werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt hier für unter Dreijährige möglichst keinen Konsum von Bildschirmmedien, für über Dreijährige maximal 30 Minuten täglich in Begleitung eines Erwachsenen.
Doch diese passt nicht zu der vorherrschenden Botschaft, dass der Einsatz digitaler Medien in der Kita nützlich und für die Kinder förderlich ist — sie ähnelt den Warnhinweisen bei der Zigarettenwerbung: “Marlboro: Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer — Rauchen kann tödlich sein.”
Auf der Internetseite findet sich zudem ein Link zu der Broschüre “Digitale Medien in der frühkindlichen Bildung. Eine Handreichung für pädagogische Fachkräfte, Träger und Eltern in Kindertageseinrichtungen”, herausgegeben 2019 vom damaligen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Das Vorwort stammt von Dr. Joachim Stamp (FDP), Kinder- und Familienminister von 2017 bis 2022. (Die FDP zog 2017 mit dem Motto “Digital first, Bedenken second” in den Landtagswahlkampf.) Der Minister schreibt:
Digitalisierung als zentrales gesellschaftliches Thema wirkt sich in allen Lebensbereichen aus, längst auch in der frühkindlichen Bildung. Kinder haben immer früher Zugang zu digitalen Medien – sie sind Teil ihrer Lebenswirklichkeit. Diese Entwicklung beeinflusst auch die pädagogische Arbeit in den Kindertageseinrichtungen.
Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen eines zu frühen oder übermäßigen Gebrauchs von Bildschirmmedien habe ich in der 150 Seiten starken Broschüre nicht gefunden (wobei ich nicht jede Zeile dieser Schrift gelesen habe — das würde ich nur gegen Schmerzensgeld tun…). Stattdessen ist zum Beispiel zu lesen (S. 22, 23, 53):
Die Kinder sind total engagiert und kreativ bei der Sache!
Ich habe mich ja erst an die Medien nicht so richtig rangetraut, aber jetzt bin ich wirklich begeistert!
…und wenn man den Eltern zeigt, was die Kinder alles gemacht haben, dann kommt man mit denen richtig gut ins Gespräch!
Medien sind selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt von Kindern: als Teil der Kinderkultur, als Freizeitaktivität, Spielgerät, Unterhaltungsmedium und so manches Mal auch als Babysitter. In vielen Bereichen der alltäglichen Lebenswelt kommen Kinder mit digitaler Technik in Berührung. Das Handy der Eltern als omnipräsenter Alltagsbegleiter […]; das […] dank diverser Apps auch zwischendurch der Unterhaltung dient. Aber auch Sprachassistenten, über die mittlerweile viele elektronische Geräte verfügen, gehören zur kindlichen Lebenswelt, ebenso wie […] natürlich Smart Toys, also mit dem Internet verbundene Spielzeuge, die einen kontinuierlich wachsenden Anteil des Umsatzes der Spielwarenindustrie ausmachen. […]
Und auch die Zahl der Kinder, die auf dem Tablet oder Smartphone spielen dürfen, nimmt stetig zu. Rund ein Drittel der 2- und 3-Jährigen nutzt allein oder zusammen mit den Eltern Apps. […]
Wie lässt sich das kreative Potenzial digitaler Medien in der Elementarpädagogik nutzen? Wie können Medien spielerisch zum Thema gemacht werden und situationsorientiert und aktivierend als Werkzeug zum Einsatz kommen? […]
Frage an zwei Kinder in der Kita: „Wo habt ihr euch denn kennengelernt?“ „Im Internet! Ich habe das Handy meiner Mama genommen und dann habe ich den angeschrieben!“
Medien “so manches Mal auch als Babysitter”? Habe ich das richtig gelesen?
Vor diesem Hintergrund sieht es so aus, als ob das Ministerium für Kinder, Jugend und Familie mehr Wert darauf legt, den Einsatz digitaler Medien in Kitas zu fördern, als das Kindeswohl umfassend zu beachten.
Meine Empfehlung: Das Ministerium sollte die Internetseite “Medienbildung” sowie die Broschüre “Digitale Medien in der frühkindlichen Bildung” dringend überprüfen und überarbeiten oder über Bord werfen. Es sollte intensiv und öffentlich über die für Kinder und Jugendlichen bestehenden Gefahren und Risiken, die mit einer zu frühen und/oder übermäßigen Benutzung von Smartphones und anderen Bildschirmmedien einhergehen, aufklären und Empfehlungen für einen gesundheits- und entwicklungsförderlichen Umgang mit Smartphones und anderen Bildschirmmedien aussprechen.
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Anhang
I) Zu den den Risiken und Nebenwirkungen einer zu frühen oder übermäßigen Benutzung von Smartphones und anderen Bildschirmmedien:
1.) Dr. Thomas Fischbach, damals Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), sagte in einem Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung (29.07.2023):
Wenn ich beobachte, dass schon Kleinkinder Tablets in die Hand bekommen und ohne ihre Spiele und Comicserien nicht essen wollen, stehen mir die Haare zu Berge. Ein Smartphone schon für Neunjährige ist definitiv zu früh! […] Vor einem Alter von zwölf Jahren sollten Kinder kein internetfähiges Handy haben. […] Die reale Welt wird für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen immer wichtiger bleiben als die virtuelle.
2.) Axel Gerschlauer, Kinderarzt und Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in NRW sagte laut Rheinischer Post vom 6. März 2026 (“Förderbedarf von Kindern steigt drastisch”):
Bewusst überspitzt gesagt: Geben Sie dem Kind lieber nen Wodka zum Frühstück als ein Handy in die Hand. Gerade vor dem dritten Lebensjahr ist es eine Katastrophe, auf Bildschirme zu gucken. Mediennutzung führt bei Kindern tatsächlich zu massiven Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, später zu Adipositas, bei Jugendlichen zu sozialen Problemen, die Liste ließe sich fortführen.
3.) tagesschau.de meldete am 12.03.2025: “Mehr als 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen nutzen soziale Medien riskant oder krankhaft oft. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie ‘Ohne Ende Online?!’ der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Demnach zeigen mehr als 25 Prozent aller 10- bis 17-Jährigen einen riskanten oder krankhaften Medienkonsum. 4,7 Prozent von ihnen gelten als süchtig. Insgesamt betroffen sind der Studie zufolge 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche. […] ‘Hier kommt ein Tsunami an Suchtstörungen bei Jugendlichen auf uns zu, den wir aus meiner Sicht völlig unzureichend würdigen’, sagte Prof. Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am UKE. Die enorme zeitliche Beanspruchung durch die Mediennutzung führe dazu, dass andere Lebensbereiche vernachlässigt werden.”
4.) Die “Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend” der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (1. Auflage 2022) weist unter anderem auf folgende Risiken von “dysreguliertem Gebrauch von Bildschirmmedien” hin:
- Entwicklungsstörungen (Feinmotorik, Grobmotorik, Sprache),
- Bindungsstörung,
- Verhaltensstörungen,
- Internetnutzungsstörungen (Internetsucht),
- Übergewicht,
- Schlafstörungen,
- Augenerkrankungen.
In der Leitlinie ist zu lesen: “Für Kinder und Jugendliche gilt im Allgemeinen: Je weniger Bildschirmzeit, desto besser.”
5.) Unter anderem der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte empfiehlt folgende Regeln für die Benutzung von Bildschirmmedien (“Medienleitlinie für Eltern. Die wichtigsten Empfehlungen für den Umgang mit Smartphone, Computer,Spielkonsole und TV in der Familie”):
6 Regeln von Klein bis Groß:
0 – 3 Jahre: Bildschirmfrei!
3 – 6 Jahre: Höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen und mit einem Erwachsenen!
6 – 9 Jahre: Höchstens 30 – 45 Min. an einzelnen Tagen und mit einem Erwachsenen!
9 – 12 Jahre: Höchstens 45 – 60 Minuten freizeitliche Bildschirmnutzung!
12 – 16 Jahre: Höchstens 2 Stunden freizeitliche Bildschirmnutzung!
16 – 18 Jahre: Orientierungswert: Weiterhin höchstens 2 Stunden freizeitliche Nutzung!
6.) Der Landkreis Rastatt schreibt (Faltblatt „Handy und Tablet: Nichts für kleine Kinder!“, erhältlich in mehreren Sprachen):
Eltern sind Vorbilder. Babys und Kleinkinder merken genau, ob Mama oder Papa mit den Gedanken und Gefühlen für sie ‚da‘ sind oder durch das Handy abgelenkt sind. Handys/PC/Tablet stehlen Ihre Aufmerksamkeit für Ihre Kinder. Benutzen auch Sie Bildschirmmedien nur gezielt und begrenzt.
7.) Siehe auch den Artikel “Wer Wind sät, wird Sturm ernten”: “Die Zunahme von Kindern mit Lernschwierigkeiten könnte laut NRW-Schulminister Dorothee Feller (CDU) auf den frühen Medienkonsum der Kinder zurückzuführen sein.” (WDR)
II) Titelfoto der Internetseite “Medienbildung” (Screenshot vom 17.08.2026)

Lieber Alexander,
danke für Dein Engagement.
Als Vorsitzender eines Kindergartenträgers werde ich den Einsatz digitaler Medien solange nicht unterstützen, bis mir jemand den Nachweis erbringen kann, dass diese dem analogen Austausch vorzuziehen sind.
Kinder brauchen Zeit mit Kindern unter freiem Himmel.
Bildschirme sind Gefängnisse für den Verstand und die Gefühle.
Mach so weiter!
Achim