“Die Fächer interessieren uns einfach nicht”

Schulministerin zeigt sich irritiert.

Es ist schon eine Weile her, da ging es im Ausschuss für Schule und Bildung des Landtags Nordrhein-Westfalen um die Studie “IQB-Bildungstrend 2024. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der 9. Jahrgangsstufe im dritten Ländervergleich” (82. Ausschusssitzung am 29. Oktober 2025, Punkt 9 der Tagesordnung).

Ich greife hier hauptsächlich einen Aspekt heraus. Die an der Sitzung teilnehmende Ministerin für Schule und Bildung, Dorothee Feller, wird vom Protokoll wie folgt zitiert (indirekte Rede):

Auch gebe die Studie Aussagen von Schülerinnen und Schülern wieder, die Fächer interessierten sie einfach nicht. Dies irritiere sie, weil die Jugendlichen zum Teil zwar großes Interesse am Klimaschutz entwickelten, aber nicht an Physik und Biologie, was ihrer Meinung nach nicht zusammenpasse.

“Die Fächer interessieren uns einfach nicht.” — Potzblitz, wie kann das denn sein? Fragen wir einfach mal den Mathematiker und Mathematiklehrer Paul Lockhart! Der schreibt in seinem Aufsatz “A Mathematician’s Lament” (meine Übersetzung):

Es gibt sicherlich keinen verlässlicheren Weg, Begeisterung und Interesse an einem Fach zu töten, als es zum Pflichtteil eines schulischen Curriculums zu machen. Es als Hauptbestandteil in standardisierte Prüfungen einzufügen, garantiert, dass das Schulsystem das Leben aus diesem Fach heraussaugt.

Dieses Zitat ziert seit über 10 Jahren die rechte Spalte meines Blogs. Ich habe 2018 etwas Ähnliches im Kölner Stadt-Anzeiger geschrieben: “Ein durch und durch standardisiertes, verbürokratisiertes Schulsystem mit Lernstands-Erhebungen, Kernlehrplänen und zentralen Abschlussprüfungen tötet jedes Interesse, jede Begeisterung für ein Fach und führt dazu, dass viele Schüler sich in der Schule vorkommen, als wären sie im Knast.” Darüber kann man in Düsseldorf nachdenken, muss man aber nicht. Statt dessen kann man selbstverständlich die 498 Seiten des IQB-Bildungstrends 2024 studieren und versuchen, daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen. (In der nächsten Bildungsministerkonferenz vor Weihnachten werde man sich dazu weiter austauschen und darüber nachdenken, welche Maßnahmen man daraus ableiten müsse, so die Ministerin vor dem Ausschuss.) Die drei Schüler (m/w/d) auf dem Titelfoto der Studie scheinen sich übrigens durchaus für Chemie zu interessieren. Die würden dann allerdings zur Minderheit gehören. In der Studie ist zu lesen (S. 329f):

Gleichzeitig geben jedoch nur 16 bis 22 Prozent [der Jugendlichen] an, ein hohes Interesse an den fachlichen Inhalten zu haben. Ein großer Teil zeigt ein gering ausgeprägtes Interesse – in den Fächern Mathematik, Chemie und Physik liegt dieser Anteil jeweils bei 50 Prozent oder darüber, im Fach Biologie bei 43 Prozent. Angesichts der Bedeutung, die fachspezifische Interessen für die Wahl mathematisch-naturwissenschaftlicher Studiengänge und Berufe haben, und des gleichzeitig anhaltenden Fachkräftemangels im MINT-Bereich sind diese Befunde problematisch.

Wenn es keinen Fachkräftemangel gäbe, wäre das natürlich egal und unproblematisch, dass 50 Prozent der Schüler sich im Unterricht langweilen und ihre Zeit verplempern. Wo kämen wir hin, wenn es in der Schule um echte Bildung, um freie Entfaltung der Persönlichkeit und nicht mehr um die Bildung von Humankapital für den Wirtschaftsstandort Deutschland ginge?

Was in dem IQB-Bildungstrend nicht fehlen darf (alles andere wäre irritierend), ist folgender Hinweis (S. 401):

Insgesamt zeigt sich für die Oberflächenmerkmale, dass digitale Medien bislang nur begrenzt in den Mathematik- und Physikunterricht der 9. Jahrgangsstufe integriert werden und ihr Potenzial zur Gestaltung anregender und motivierender Lernumgebungen vermutlich noch nicht vollständig ausgeschöpft wird. Gleichzeitig gilt, dass der Einsatz digitaler Medien im Fachunterricht zwar eine notwendige, die Häufigkeit des Einsatzes an sich jedoch keine hinreichende Bedingung dafür ist, dass sich die Qualität von Lehr-Lern-Prozessen verbessert (Fütterer et al., 2022).

“Der Einsatz digitaler Medien im Fachunterricht ist eine notwendige Bedingung dafür, dass sich die Qualität von Lehr-Lern-Prozessen verbessert.” Gibt es einen Beamten (m/w/d) im Schulministerium oder zumindest einen Abgeordneten (m/w/d) im Landtag, der diese These in Frage stellt? — Ich habe (fast) fertig und schließe mich Paul Lockhart an: “Operate all you want, doctors: your patient is already dead.”

Die Ministerin sagte im Übrigen in der Ausschusssitzung, die Schülerinnen und Schüler meldeten außerdem zurück, sie empfänden den Unterricht als zu wenig strukturiert, was die Lehrkräfte anders darstellten; auch hier gebe es also einen Dissens. Das soll vorkommen, dass Schüler Unterricht und Schule anders wahrnehmen als Lehrer. Zwischen der Absolventin Ellenor Bockentin und manchen Lehrern ihrer ehemaligen Schule in Hagenow (Mecklenburg-Vorpommern) gibt es vermutlich auch einen Dissens. Deren Rede auf der Entlassfeier hätte die Schulministerin vermutlich sehr irritiert (siehe “Lehrer-Versagen? ‘Erschreckend, dass ich das sagen muss'” auf nordkurier.de)…

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