„Die Schule soll Lust zum Leben machen.“
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, sagte auf einer Zusammenkunft der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (ursprünglich: Psychologische Mittwochsgesellschaft) im April 1910[*]:
Die Mittelschule soll aber mehr leisten, als dass sie die jungen Leute nicht zum Selbstmord treibt; sie soll ihnen Lust zum Leben machen und ihnen Stütze und Anhalt bieten in einer Lebenszeit, da sie durch die Bedingungen ihrer Entwicklung genötigt werden, ihren Zusammenhang mit dem elterlichen Hause und ihrer Familie zu lockern. Es scheint mir unbestreitbar, dass sie dies nicht tut, und dass sie in vielen Punkten hinter ihrer Aufgabe zurückbleibt, Ersatz für dıe Familie zu bieten und Interesse für das Leben draussen in der Welt zu erwecken. Es ist hier nicht die Gelegenheit zu einer Kritik der Mittelschule in ihrer gegenwärtigen Gestaltung. Vielleicht darf ich aber ein einziges Moment herausheben. Die Schule darf nie vergessen, dass sie es mit noch unreifen Individuen zu tun hat, denen ein Recht auf Verweilen in gewissen, selbst unerfreulichen Entwicklungsstadien nicht abzusprechen ist. Sie darf nicht die Unerbittlichkeit des Lebens für sich in Anspruch nehmen, darf nicht mehr sein wollen als ein Lebensspiel.
Die Schule soll Lust zum Leben machen… Sie soll den jungen Leuten Stütze und Anhalt bieten… Sie soll Interesse für das Leben draußen in der Welt erwecken… — Wäre das schön, wenn man solche einfachen und wichtigen Worte einmal von der Ministerin für Schule und Bildung hören würde!
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[*] Freud sagte diese Worte im Rahmen einer Diskussion über den Suizid, insbesondere den Suizid von Jugendlichen (siehe Wiener psychoanalytischer Verein (Hrsg.). Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins. Über den Selbstmord insbesondere den Schüler-Selbstmord. I. Heft. Verlag J. F. Bergmann: Wiesbaden. 1910. S. 19. Online hier). In ihrer Dissertation „Wie gelingt Suizidprävention an Schulen? Evaluation und Vergleich von Trainingsmaßnahmen für Schüler*innen und Lehrkräfte“ (Darmstadt 2022) schreibt Katharina Bockhoff (S. 23):
Bereits vor über 100 Jahren wurde befürchtet, dass Suizide auch bei Jugendlichen ein „epidemisches Ausmaß“ annehmen könnten. Die Wiener Psychoanalytische Konferenz rund um Siegmund Freud rief nach dem Tod eines Wiener Schülers im Jahr 1910 eine Konferenz zu diesem Thema ein. Aufgrund der Wichtigkeit des Themas wurden der Suizidalität sogar zwei Abende der Psychologischen Mittwochs-Gesellschaft gewidmet, die von Federn (1977a, 1977b) dokumentiert wurden.
Aus der Bibliographie der Dissertation geht hervor, dass die beiden Abenddiskussionen am 20. und 27. April 1910 stattfanden („Vortragsabend am 20. April 1910: Tagesordnung 442. David Ernst Oppenheim: Über Baers Buch Der Selbstmord im kindlichen Lebensalter“ und „Vortragsabend am 27. April 1910: Tagesordnung 460. Fortsetzung der Diskussion über den Selbstmord“ in Nunberg, H. & Federn, E.: Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung: Band II 1908-1910. Frankfurt am Main: Fischer Verlag GmbH).
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Hilfe bei Suizid-Gedanken
Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein, es gibt aber auch Hilfsangebote. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 erreichbar. Es gibt auch die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung oder eines Hilfe-Chats. Weitere Informationen finden Sie bei der Telefonseelsorge.