“Nutzen Kinder soziale Medien, schmälert das ihren Lernerfolg”

Studie aus Italien legt den Verdacht nahe, dass Facebook immer noch scheiße ist.

“Je früher sich ein Jugendlicher ein Konto bei Tiktok, Instagram, Snapchat, Facebook oder anderen entsprechenden Netzwerken erstellt, desto schlechter fallen seine Noten im Vergleich zu anderen aus, die diese Angebote noch nicht oder nocht nicht so lange nutzen”, heißt es in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 7. August 2026 (“Scrollen statt Schule”, online ähnlich hier) mit der Zwischenüberschrift “Nutzen Kinder soziale Medien, schmälert das ihren Lernerfolg”. Diesen Zusammenhang hätten Forscher um Marco Gui von der Universität Mailand-Bicocca beobachtet.

Die zugehörige Studie wurde im Fachjournal Natur Human Behaviour am 3. August veröffentlicht (“Longitudinal effect of early social media use on standardized learning outcomes during school career”).



PS
Die Erkenntnisse aus Italien sollten niemanden überraschen. Auf diesem Blog habe ich schon 2017 einen Artikel mit dem Titel “Facebook ist Scheiße und macht süchtig, sagen ehemalige Manager von Facebook” veröffentlicht. Ich drucke ihn hier noch einmal in voller Länge ab:

Der Neurobiologe Manfred Spitzer warnt schon seit Jahren vor digitalen Medien. Auf welt.de ist zu lesen:

Smartphones und Tablets machen süchtig, sagt er. Oder, dass Menschen, die viel Zeit bei Facebook verbringen, leichter depressiv werden. „Ich bin kein Bedenkenträger, sondern Arzt“, sagt Spitzer. […] Ihn sorgt […], dass der exzessive Umgang mit den Geräten zu starken Aufmerksamkeitsstörungen führen kann. Und deshalb ärgert ihn auch, dass Tablets und Smartphones heute sogar im Schulunterricht eingesetzt werden. Er würde die Geräte erst für Volljährige empfehlen.

Seine Bedenken werden von unerwarteter Seite unterstützt. Die Süddeutsche Zeitung von heute (“Asoziale Medien. Kritik an Facebook aus den eigenen Reihen”, S. 11, online hier) berichtet:

Derzeit melden sich ehemalige Top-Manager des kalifornischen Unternehmens Facebook, die das manipulative Potenzial der Plattform geißeln. Zuerst äußerte sich der ehemalige Präsident und Mitgründer, Sean Parker. Er erklärte Anfang November, dass man bei der Konzeption der Plattform seinerzeit ganz bewusst auf Suchtfaktoren und süchtig machende Features gesetzt habe, welche “die Verwundbarkeit der menschlichen Psyche” ausnutzen. Ziel sei es gewesen, “so viel Aufmerksamkeit wie möglich” auf sich zu ziehen, um Nutzer dauerhaft zu binden. Die Konsequenzen habe er nicht absehen können. Heute meint er zu wissen: Das Netzwerk “verändert dein Verhältnis zu Gesellschaft und Miteinander, es verändert deine Produktivität. Wir wissen nicht, was es mit den Hirnen unserer Kinder macht.” Der ehemalige Vizepräsident des Konzerns sagt, er würde “diesen Scheiß” nicht mehr nutzen.

Fast im selben Wortlaut erklärte sich danach der ehemalige Vizepräsident des Konzerns, Chamath Palihapitiya. Er sprach davon, dass wegen Facebook das Sozialverhalten in der Gesellschaft grundsätzlich erodiere, und dass er durch seine Beteiligung an der Entwicklung “unendliche Schuld” auf sich geladen habe. “Facebook programmiert die Menschen.” Er würde “diesen Scheiß” nicht mehr nutzen und verbiete es auch seinen Kindern strikt. Denn das Netzwerk beende “den öffentlichen Diskurs” und fördere stattdessen “Missinformation und Misstrauen”.

Zur Erinnerung: Im Sommer haben wir hier darauf hingewiesen, dass einer der Erfinder des Smartphones, Tony Fadell, vor seiner Schöpfung warnt. In dem Artikel „Warum einer der Erfinder des iPhones vor seiner Schöpfung warnt“ der Süddeutschen Zeitung (online, 10. Juli 2017) heißt es:

Die suchterzeugende Wirkung sei fest in das Design der Gadgets hineingewoben, sagt etwa Tony Fadell. […] Obwohl sie [Smartphones] doch eigentlich Kommunikationsinstrumente seien, dienten sie vor allem den Bedürfnissen des Einzelnen, seien Mittel der Selbstüberhöhung statt der Vernetzung. […] Tony Fadell hat auch eine Erklärung für das Elend. Es liege vor allem an den Biografien der Menschen, die vor zehn, 15 Jahren den Grundstein für die technologische Omnipräsenz gelegt haben: Anfang, Mitte 20, männlich, weiß, privilegiert, kinderlos und niemandem außer sich selbst verpflichtet, die Produkte vor allem ihren Vorstellungen und ihrem „limitierten kulturellen Verständnis“ gemäß entwickelten.

Sind von der Schulministerin Yvonne Gebauer ähnliche Bedenken zu vernehmen? Eher nicht. Auf die-glocke.de (“Yvonne Gebauer überzeugt auf Schloss Loburg”, 15.11.2017) ist zu lesen:

Ruhig und kompetent warb Yvonne Gebauer für die Digitalisierung im Bildungssystem: „Die Zeiten, in denen die Lehrer mehr Schüler der Schüler sind als umgekehrt, und in denen der Overhead-Projektor das einzige digitale Medium einer Schule ist, müssen schnell vorbei sein.“

Das wirft zwei Fragen auf: Seit wann sind Overhead-Projektoren digitale Medien? Und: Wie kompetent ist die Schulministerin wirklich?

1 Kommentar

  1. Achim Brauer

    Wer Bildung liebt, schützt seine Kinder vor den “sozialen Medien”.
    In meiner langjährigen pädagogischen Praxis habe ich die Kinder als besonders aufgeschlossen erlebt, die erst sehr spät ein Handy bekamen. Diese Kinder konnten ihre Umwelt eigenständig erforschen und waren frei von der permanenten Kontrolle durch Eltern und Freunde.

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