Arno Gruen über die Quelle von Feindseligkeit und Gewalt

“Unsere Kultur macht es Menschen sehr schwer, ein eigenes freies Selbst zu entwickeln.”

Schon wieder ein Terroranschlag, diesmal in Berlin auf Teilnehmer des Christopher-Street-Days (siehe zum Beispiel rbb24.de). Und wie immer nach solchen Taten werden Rufe nach einem härteren Strafrecht laut (siehe tagesschau.de). Bundeskanzler Friedrich Merz sagte: “Wir werden die Freiheit unserer Gesellschaft verteidigen. Darauf können sich alle verlassen. Wir sind mehr, wir sind stärker. Und wir halten in unserem Land zusammen.” (tagesschau.de)

Die Aussage des Kanzlers sei hier nicht diskutiert; ich möchte hier lediglich auf ein paar Gedanken des Psychoanalytikers Arno Gruen hinweisen. Der schreibt in seinem Buch “Ich will eine Welt ohne Kriege”[1]:

Die Bereitschaft zu töten wird ausgelöst durch einen inneren Drang der Täter, Feindbilder zu finden, auf die sie ihre ganze Wut richten können. Denn ihr quälendes Gefühl von Minderwertigkeit und ihr Hass auf sich selbst sind nur zu besänftigen, wenn „draußen“ ein „Feind“ ist, auf den sich all die Eigenschaften projizieren lassen, die man an sich selbst so sehr zu verachten gelernt hat. Natürlich hat die Wut dieser Menschen auch einen wahren Ursprung, nämlich die frühe Unterdrückung durch die Eltern. Diese sind als Verursacher und Ziel ihrer Aggressionen jedoch tabu. Deshalb müssen sie Feinde außerhalb ihres eigenen Selbst finden, um gegen diese allen Hass und alle aufgestaute Wut zu entladen. […]

Die Quelle von Feindseligkeit und Gewalt liegt in einer Kultur, die Leistung und Besitz über alles stellt und es Menschen kaum möglich macht, ein Selbst zu entwickeln, das auf Vertrauen und Mitgefühl beruht. […]

Unsere Kultur macht es Menschen sehr schwer, ein eigenes freies Selbst zu entwickeln, weil sie das innere Erleben abwertet und Äußerlichkeiten wie Besitz und Status zum Maßstab des persönlichen Selbstwertes erhebt. […] Alle Menschen, die Gewalt und Krieg suchen oder sich zum Mitmachen verleiten lassen, sind abgeschnitten von den Möglichkeiten eines Selbst, das auf eigenem inneren Erleben und dem Mitgefühl mit anderen basiert.

In dem Buch “Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror” kommt Gruen zum Schluss:

Langfristig gibt es jedoch nur einen Weg, der aus der Misere führt und eine wirkliche Veränderung bedeutet: Wir müssen dafür sorgen, daß unsere Kinder so aufwachsen, daß ein inneres Opfersein gar nicht erst entsteht.

Nur so können demokratische Gesellschaften Bestand haben, indem sie die wahren Bedürfnisse von Menschen erkennen und ernst nehmen, indem sie Kindern die Möglichkeit zu einer wahren Kindheit bieten, die sich an eigenen empathischen Wahrnehmungen und Bedürfnissen orientiert.

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[1] Arno Gruen. „Ich will eine Welt ohne Kriege“. Klett-Cotta: Stuttgart 2006. S. 92, 95, 101f
[2] Arno Gruen. Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror. Klett-Cotta: Stuttgart 2002. S. 180

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