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Arno Gruen über die Quelle von Feindseligkeit und Gewalt

Veröffentlicht am 29. Juli 20265. September 2026 von Alexander Roentgen

“Unsere Kultur macht es Menschen sehr schwer, ein eigenes freies Selbst zu entwickeln.”

Schon wieder ein Terroranschlag, diesmal in Berlin auf Teilnehmer des Christopher-Street-Days (siehe zum Beispiel rbb24.de). Und wie immer nach solchen Taten werden Rufe nach einem härteren Strafrecht laut (siehe tagesschau.de). Bundeskanzler Friedrich Merz sagte: “Wir werden die Freiheit unserer Gesellschaft verteidigen. Darauf können sich alle verlassen. Wir sind mehr, wir sind stärker. Und wir halten in unserem Land zusammen.” (tagesschau.de)

Die Aussage des Kanzlers sei hier nicht diskutiert; ich möchte hier lediglich auf ein paar Gedanken des Psychoanalytikers Arno Gruen hinweisen. Der schreibt in seinem Buch “Ich will eine Welt ohne Kriege”[1]:

Die Bereitschaft zu töten wird ausgelöst durch einen inneren Drang der Täter, Feindbilder zu finden, auf die sie ihre ganze Wut richten können. Denn ihr quälendes Gefühl von Minderwertigkeit und ihr Hass auf sich selbst sind nur zu besänftigen, wenn „draußen“ ein „Feind“ ist, auf den sich all die Eigenschaften projizieren lassen, die man an sich selbst so sehr zu verachten gelernt hat. Natürlich hat die Wut dieser Menschen auch einen wahren Ursprung, nämlich die frühe Unterdrückung durch die Eltern. Diese sind als Verursacher und Ziel ihrer Aggressionen jedoch tabu. Deshalb müssen sie Feinde außerhalb ihres eigenen Selbst finden, um gegen diese allen Hass und alle aufgestaute Wut zu entladen. […]

Die Quelle von Feindseligkeit und Gewalt liegt in einer Kultur, die Leistung und Besitz über alles stellt und es Menschen kaum möglich macht, ein Selbst zu entwickeln, das auf Vertrauen und Mitgefühl beruht. […]

Unsere Kultur macht es Menschen sehr schwer, ein eigenes freies Selbst zu entwickeln, weil sie das innere Erleben abwertet und Äußerlichkeiten wie Besitz und Status zum Maßstab des persönlichen Selbstwertes erhebt. […] Alle Menschen, die Gewalt und Krieg suchen oder sich zum Mitmachen verleiten lassen, sind abgeschnitten von den Möglichkeiten eines Selbst, das auf eigenem inneren Erleben und dem Mitgefühl mit anderen basiert.

In dem Buch “Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror”[2] kommt Gruen zum Schluss:

Langfristig gibt es jedoch nur einen Weg, der aus der Misere führt und eine wirkliche Veränderung bedeutet: Wir müssen dafür sorgen, daß unsere Kinder so aufwachsen, daß ein inneres Opfersein gar nicht erst entsteht.

Nur so können demokratische Gesellschaften Bestand haben, indem sie die wahren Bedürfnisse von Menschen erkennen und ernst nehmen, indem sie Kindern die Möglichkeit zu einer wahren Kindheit bieten, die sich an eigenen empathischen Wahrnehmungen und Bedürfnissen orientiert.

———————-

[1] Arno Gruen. „Ich will eine Welt ohne Kriege“. Klett-Cotta: Stuttgart 2006. S. 92, 95, 101f
[2] Arno Gruen. Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror. Klett-Cotta: Stuttgart 2002. S. 180

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Category: Uncategorized

Kommentar

  1. Magda von Garrel sagt:
    29. Juli 2026 um 17:55 Uhr

    So wahr die von Gruen geäußerten Gedanken und Forderungen auch sind: Umgesetzt werden sie eher selten. Das gilt nicht zuletzt für den schulischen Bereich, der hierzulande noch immer stark auf Selektion, Sitzenbleiben und Noten setzt, was ich (besonders im Falle nicht privilegierter Schüler) als “schulstrukturelle Beschämungen” bezeichne. Aber auch Eltern können sich ihren Kindern gegenüber sehr abwertend verhalten und wenn dann auch noch erniedrigende Mobbing-Erfahrungen dazu kommen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn es schließlich zu der von Gruen beschriebenen Projektion auf einen “äußeren Feind” kommt.

Kommentare sind geschlossen.

Paul Lockhart:

"Es gibt sicherlich keinen verlässlicheren Weg, Begeisterung und Interesse an einem Fach zu töten, als es zum Pflichtteil eines schulischen Curriculums zu machen. Es als Hauptbestandteil in standardisierte Prüfungen einzufügen, garantiert, dass das Schulsystem das Leben aus diesem Fach heraussaugt."

(aus "A Mathematician's Lament" von Paul Lockhart)

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Peter Fürstenau:

"Wo Kinder sich einer völlig vorgegebenen — noch dazu widersprüchlichen — Ordnung im wesentlichen nur einzufügen haben, entstehen als einzig möglicher Ausdruck ihres Freiheits- und Selbständigkeitsstrebens und ihrer Initiative „Disziplinschwierigkeiten“. Das ist aber bei Erwachsenen unter solchen Bedingungen nicht anders."

(aus: "Zur Psychoanalyse der Schule als Institution" von Peter Fürstenau)

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