Schule intakt

"Wo Schule schön ist, ist sie ein Geschenk an das Leben." (Remo Largo)

Menu
  • Startseite
  • Worum es geht
  • Wer dahintersteckt
  • Kontakt
  • alexanderroentgen.de
Menu

Informativ und anregend: “Unterricht ist Beziehungssache” von Michael Felten

Veröffentlicht am 23. Juni 2020 von Alexander Roentgen

Das neue Buch des Kölner Pädagogen enthält nützliches Hintergrundwissen, viele weiterführende Hinweise und diverse prägnante, lehrreiche Beispiele aus der Unterrichtspraxis.

Michael Felten war von 1981 bis 2017 Gymnasiallehrer für Mathematik und Kunst in Köln. Seit 2010 ist er in der Lehrerweiterbildung tätig. Seine Homepage “Feltens Pädagogische Palette” ziert ein Zitat Alfred Adlers: “Günstig für das Wachstum eines Kindes sind Schwierigkeiten, die es überwinden kann.”

Vor Kurzem ist bei Reclam sein Buch “Unterricht ist Beziehungssache” erschienen. Der Autor beleuchtet laut Klappentext “alle Angelpunkte des Unterrichts- und Schulalltags, vom Stundenbeginn bis zu Klassenfahrten, und erläutert ganz konkret, wie sie beziehungsförderlicher arrangiert werden können”.

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel:

  1. Wieder im Fokus: Lehrer-Schüler-Beziehung (Einführung),
  2. ‘Pädagogische Beziehung’ in Ideengeschichte und Forschung,
  3. Beziehungsgestaltung im Unterrichtsalltag und
  4. Beziehungskunst als Entwicklungsfeld.

In kompakter, skizzenhafter Manier gelingt es Felten im zweiten Kapitel, das Thema ‘Pädagogische Beziehung’ in Ideengeschichte und Forschung zu durchstreifen: von der Tiefenpsychologie über die empirische Unterrichtsforschung bis zur Neurobiologie. Als Auftakt und zur Einstimmung ist das mehr als ausreichend. Allein die Verweise auf bzw. Zitate von Herman Nohl, Sigmund Freud und Alfred Adler lohnen, wobei wir uns gefreut hätten, wenn auch der Schweizer Lehrer Hans Zulliger (1893 – 1965), ein Vertreter der psychoanalytischen Pädagogik, erwähnt worden wäre. Der in diesem Kapitel befindliche Abschnitt über die Tiefenpsychologie ist unentbehrlich, will man die im dritten Kapitel dargelegten Szenarien verstehen. “Ein tiefenpsychologischer Blick auf die Dynamik im Klassenzimmer ist jedenfalls enorm entlastend: Plötzlich wird einem klar, dass störendes Verhalten weder auf Bösartigkeit noch Unfähigkeit beruht, sondern einfach ein früh gelerntes Muster darstellt, Anerkennung zu finden, Geltung zu erleben, vor Belastungen auszuweichen”, schreibt Felten zusammenfassend im vierten Kapitel (S. 102).

Das dritte Kapitel, Beziehungsgestaltung im Unterrichtsalltag, bildet das Herzstück von Feltens Büchlein. Hier wird die Beziehungssache Unterricht mit Leben gefüllt gefüllt. Unter anderem geht es um

  • Klassenleitung — wie man eine förderliche Tonlage vorgibt,
  • Fehlerfreundlichkeit,
  • Alltagsgeißel ‘Unterrichtsstörungen’,
  • Unruheherd Lehrer,
  • Klassenfahrt — nur Gaudi,
  • Elternarbeit,
  • Bonus-Track Schwierige Schüler — Sargnagel oder Krönung?.

Die insgesamt 17 Beispiele und Szenarien — mal kurz, mal ausführlich geschildert — stellen keine Rezeptsammlung dar, aber sie laden ein, sich die eine oder andere Scheibe von Michael Feltens Expertise abzuschneiden und den Umgang mit Schülern vielleicht einmal anders, das heißt “beziehungsförderlich”, zu gestalten. Insbesondere der Bonus-Track Schwierige Schüler macht deutlich, was es heißt, einen Schüler im Sinne Alfred Adlers, also aus einer individualpsychologischen Perspektive zu betrachten und zu behandeln.

Im vierten Kapitel, Beziehungskunst als Entwicklungsfeld, stellt der Autor die Frage: “Wie wird man eigentlich ein beziehungsmäßig guter Lehrer?” Sie wird in zwei Abschnitten beantwortet, zunächst im Hinblick auf die Ausbildung, dann im Hinblick auf die Weiterbildung von Lehrern. Im Abschnitt Referendariat (Ausbildung) (S. 87ff) werden “einige Mosaiksteine eines Beziehungscurriculums für angehende Lehrer” vorgestellt. Es sind derer fünf Stück, die etwas technisch-nüchtern daherkommen. Ein Wort wie “Beziehungswirksamkeitsgefühl” (S. 90) ist glücklicherweise eine Ausnahme. Im Übrigen betreffen diese Mosaiksteine nicht nur die Ausbildung, sondern sie enthalten Grundlegendes, was die Beziehungskultur in einer Schule angeht — zum Beispiel unter dem Punkt “Spezifisches, schülerbezogen: Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten richtig durchschauen” (S. 91f):

Wer kennt sie nicht, die verbreiteten spontanen Interpretationsschablonen von Lehrern bei Problemschülern und Unterrichtsstörungen — “der will nicht, “der will mir was”, oder “der kann eben nicht mehr”? Aber sie führen vielfach in die Irre, weil sie die tatsächlichen Ziele Heranwachsender verkennen. […] Man sollte angehenden Lehrern die Fähigkeit vermitteln, ‘Sorgenkinder’ wohlwollend zu durchschauen […].

Vielleicht wäre es gewinnbringender gewesen, anstelle dieser “Mosaiksteine eines Beziehungscurriculums” eine Reihe von Leitideen aufzustellen, die für eine beziehungsförderliche Schul- und Unterrichtskultur unabdingbar sind. Aus diesen Leitideen heraus würden sich dann Vorgaben und Inhalte für die Aus- und Weiterbildung ergeben.

Für die schon ausgebildeten Lehrer, also für die Weiterbildung, stellt der Autor diverse Konzepte und Ansätze vor, die sich lohnen, weiterverfolgt zu werden, zum Beispiel das Konzept von Hüttebräucker und Schneider, Balint-Gruppen und das Konstanzer Trainingsmodell. Es ist jedoch die Frage, ob und inwieweit Lehrerkollegien für solche Ansätze empfänglich sind oder ob sie vielmehr abgewehrt werden und eine Lehrerschaft (womöglich mit vielen gußeisernen Charakteren) lieber an den oberflächlichen “Interpretationsschablonen” hängen bleibt. Tiefenpsychologische Pädagogik ist ja nichts Neues, geht aber wohl derart ans Eingemachte, dass sie erfolgreich verdrängt wurde. Es wäre interessant herauszufinden, welche Kräfte, welche Widerstände hier am Werk sind.

Der Autor ahnt (oder weiß) offenbar, dass man an manchen Schulen mit “seinen” beziehungsförderlichen Ideen keine offenen Türen einrennt (S. 102f):

Wenn aber nun weder Fallbesprechungsgruppe noch Tandempartner greifbar sind? […] Man ist also keineswegs verloren, wenn man einen Schulleiter hat, der seinem Kollegium keine Weiterbildung in Sachen Beziehungsgestaltung gönnt. Man nimmt das Reifen der eigenen pädagogischen Haltung dann einfach in die eigene Hand, betreibt es quasi autonom und eher beiläufig — in Stillarbeit, bei der Pausendebatte, sogar im Kino […].

Ob dieser autonome Versuch so einfach oder gar erfolgreich ist, sei dahingestellt. Völlig verloren ist man dank Feltens “Unterricht ist Beziehungssache” nicht. Am besten liest man es zur Vertiefung seines 2012 erschienenen locker-inspirierenden Büchleins “Schluss mit dem Bildungsgerede! Eine Anstiftung zu pädagogischem Eigensinn”.



Michael Felten. Unterricht ist Beziehungssache. Reclam-Verlag. 2020. 112 Seiten. ISBN 978-3-15-019692-2. 6,80 €.


PS
Dass Unterricht Beziehungssache ist, dass Tiefenpsychologie hilfreich ist, hierin folgen wir Michael Felten uneingeschränkt (wobei wir manchen Akzent vielleicht anders setzen würden). Wir haben allerdings Zweifel, was sein positives, optimistisches Bild vom Lehrerberuf und die Realisierbarkeit guter Beziehungsarbeit angeht. Auf Seite 12 heißt es:

Im Übrigen kann man nur zu diesem Beruf raten. Lehrerin, Lehrer sein ist zwar harte Arbeit — aber auch eine sehr schöne, auf eigentümliche Art erfüllende. Zwischenmenschliche Nähe und Fürsorge beinhalten ganz einfach eine Art Glücksangebot.

und auf Seite 105, der letzten Seite:

Gute Beziehungsarbeit ist nicht nur an Leuchtturmanstalten realisierbar, sondern auch in der öffentlichen Schule — mit all ihren Mängeln. Allen Lehrern wäre jedenfalls zu wünschen, dass sie sich an dem Abenteuer, als Menschenbildner unterwegs zu sein, möglichst lange erfreuen […].

Da unsere Bedenken nicht den Kern des Buches, sondern ein übergeordnetes Problem betreffen, werden wir dies an anderer Stelle ausführen.

Print Friendly, PDF & Email
Category: Uncategorized

Paul Lockhart:

"Es gibt sicherlich keinen verlässlicheren Weg, Begeisterung und Interesse an einem Fach zu töten, als es zum Pflichtteil eines schulischen Curriculums zu machen. Es als Hauptbestandteil in standardisierte Prüfungen einzufügen, garantiert, dass das Schulsystem das Leben aus diesem Fach heraussaugt."

(aus "A Mathematician's Lament" von Paul Lockhart)

RSS Bergheimer Blog

  • Kinder- und Jugendausschuss lehnt Anregung zur Aufklärung über Smartphone-Risiken mit großer Mehrheit ab
  • KODI-Filiale in Bergheim schließt

RSS Schule Mathematik Bildung

  • Proofs of the quadratic reciprocity law

RSS Condorcet

  • Liebe Lehrer: Pisa ist auch euer Versagen

RSS Gesellschaft für Bildung und Wissen

  • Einsam oder gemeinsam? – Woraus Selbstständigkeit wächst

Schlagwörter

Administrationsrummel Anwendungsorientierung Arbeitswelt Arno Gruen Beamte Bergheim Bildungsmonitoring CDU Demokratie Didaktik Eugen Drewermann Fixvektorpanne G8 Gewalt Grüne NRW GTR Innovationstamtam Jesper Juul Kinder Kompetenzorientierung Leistung Lust Macht Mathematikunterricht McDonaldisierung Medienkritik Michael Felten MINT Mobbing Neue Medien OECD Panne Zentralabitur 2014 PHV NRW PISA Pädagogik Runder Tisch Schule = Knast Schulleiter Schulministerium Stress SV SV-Ombudsstelle Sylvia Löhrmann Yvonne Gebauer Zentralabitur

Peter Fürstenau:

"Wo Kinder sich einer völlig vorgegebenen — noch dazu widersprüchlichen — Ordnung im wesentlichen nur einzufügen haben, entstehen als einzig möglicher Ausdruck ihres Freiheits- und Selbständigkeitsstrebens und ihrer Initiative „Disziplinschwierigkeiten“. Das ist aber bei Erwachsenen unter solchen Bedingungen nicht anders."

(aus: "Zur Psychoanalyse der Schule als Institution" von Peter Fürstenau)

Blog via E-Mail abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Archiv

Meta

  • Anmelden
  • Eintrags-Feed
  • Kommentar-Feed
  • WordPress.org
Datenschutzerklärung - Impressum - Cookie-Richtlinie (EU)
© 2026 Schule intakt | Powered by Minimalist Blog WordPress Theme
Cookie-Zustimmung verwalten
Wir verwenden Cookies, um unsere Website und unseren Service zu optimieren.
Funktional Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt. Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.
  • Optionen verwalten
  • Dienste verwalten
  • Verwalten von {vendor_count}-Lieferanten
  • Lese mehr über diese Zwecke
Einstellungen anzeigen
  • {title}
  • {title}
  • {title}