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Gründe für Aggressionen bei Schülern

Veröffentlicht am 22. Juni 20185. November 2020 von Alexander Roentgen

“Unzählige Kinder und Jugendliche sind durch ein an vielen Stellen fragwürdiges wie frustrierendes Schulsystem seit Jahren in den Burn-out gekommen.”

Die Aachener Nachrichten berichteten am 3. Mai 2018 (“Lehrer sind immer öfter Opfer von Gewalt”, online unter “Raues Klima an den Schulen in NRW: Viel Gewalt gegen Lehrer”):

Der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) hat nun bereits seine zweite Forsa-Umfrage zu Gewalt gegen Lehrkräfte binnen zwei Jahren vorgestellt. Diesmal wurden nicht die Lehrer direkt, sondern Schulleitungen befragt. Demnach sind an jeder dritten Schule in NRW Lehrer in den vergangenen fünf Jahren schon einmal Opfer körperlicher Gewalt geworden. „Das fängt mit Schubsen an und geht bis zu tätlichen Angriffen wie Faustschlägen und Tritten“, sagt der VBE-Landesvorsitzende Stefan Behlau. Befragt wurden 252 der landesweit etwa 4700 Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien. Von körperlichen Übergriffen gegen Lehrer an ihrer Schule berichteten 35 Prozent der Schulleitungen.

DerWesten.de meldete am 1. März 2018 (“Zu viel Gewalt: Grundschule setzt Wachschutz ein”)

Es klingt unglaublich, ist aber wahr: An einer Berliner Grundschule gibt es nun einen Wachschutz. Dieser ist aber nicht etwa dazu da, um die Kinder vor Fremden zu schützen, die sich auf das Gelände einschleichen wollen. Nein, der Sicherheitsdienst wurde eingestellt, weil schon bei den Sechs- bis Zwölfjährigen Gewaltexzesse an der Tagesordnung sind.

Über die Ursachen von Gewalt und Aggression wird herzlich wenig berichtet. Immerhin haben die Aachener Nachrichten am 2. Juni 2018 einen Leserbrief veröffentlicht, der genau darauf zu sprechen kommt (“Gründe für Aggressionen bei Schülern”, S. 21). Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Ekkehard Höhl aus Aachen, zitieren wir ihn hier in vollem Umfang:

Eines vorweg: Selbstverständlich lehne ich jede Form von Gewalt ab! Aber wenn nach den Ursachen der Gewalt gegen Lehrer gesucht wird, gehört unbedingt gefragt: Wie viel tragen Lehrer durch bestimmte formale Entscheidungen und entmutigende wie beschämende Aussagen ihren Schülern gegenüber zur Gewalt an Schulen bei?
Diese Frage steht im engen Zusammenhang mit der konstatierten Gewalt gegen Lehrer. Wenn etwa Schüler regelmäßig nur für die nächste Klausur lernen müssen, wenn sie dann nicht objektiv benotet werden und zusätzlich noch Hausaufgaben daheim machen müssen, obwohl die Wirkungslosigkeit von Hausaufgaben auf den Lernerfolg in vielfacher Form bewiesen ist, kann das negative Folgen haben. Und wenn Schüler in der Schule von Lehrern erfahren, dass sie “dumm” sind und zudem einen Unterricht erleben, der sie nicht anspricht, dann hat das auf viele Schüler ebenfalls mögliche negative Auswirkungen. Warum finden sich in der Berichterstattung über das Thema “Gewalt gegen Lehrer” dazu keine Hinweise, die auf Zusammenhänge von gewalttätigen Aggressionen gegen Lehrer mit vorher erfahrenen Demütigungen und Notendruck durch eben diese hinweisen? Unzählige Kinder und Jugendliche sind durch ein an vielen Stellen fragwürdiges wie frustrierendes Schulsystem seit Jahren in den Burn-out gekommen. Lehrer haben da eine besondere Verantwortung: Sie können Druck nehmen, sie können Eltern zum Beispiel von dem ständigen Anspruch, “mein Kind muss aber Abitur machen”, erlösen und Alternativen zeigen. Und nun sollen es zudem Sicherheitskräfte an Grundschulen richten. Ja, wie fantasie- und folgenlos ist das denn? Das ist CSU-Politik in Reinform und eine Bankrotterklärung an die Pädagogik.
All das schreibe ich als Lehrer an einer Berufsschule ebenso wie als Vater von zwei schulpflichtigen Kindern.


PS
Der Psychoanalytiker Arno Gruen berichtet in seinem Buch “Wider den Gehorsam” (Klett-Cotta, 2014, S. 57ff):

Helen Bluvol und Ann Roskam führten Studien (beide 1972) an einem amerikanischen Gymnasium durch. Sie untersuchten zwei Gruppen von Schülern — eine, die äußerst erfolgreich war, sich gehorsam den Ambitionen der Eltern anpasste, und eine andere Gruppe, deren Leistung zwar als genügend eingestuft wurde, die sich aber nicht sonderlich für Erfolge interessierte und keinem Druck ausgesetzt war, den Erwartungen der Eltern zu entsprechen, also Gehorsam zu sein. […]
Die erfolgsorientierten Schüler, die ihre Eltern verklärten, tendierten vehement dazu, ihre Mitschüler zu Unterlegenen zu machen. Nur dann empfanden sie sich als ‘autonom’. Hier sehen wir die Auswirkungen des Gehorsams. Die Gruppe, die sich im Hinblick auf Erfolg und allgemeines ‘Wohlverhalten’ den allgemein anerkannten Normen unterordnete und somit am stärksten im System elterlich-autoritärer Erwartungen gefangen war, fühlte sich unabhängig -– und zwar dann, wenn sie andere schlechtmachen und herabsetzen konnte. Viele erleben also das Gefühl von Freiheit und Autonomie, wenn sie das Fremde im Anderen und damit unbewusst in sich selbst bestrafen.

PPS
Es ist wichtig, den Gründen für Aggression und Gewalt nachzugehen, was nicht bedeutet, sie gutzuheißen. Sonst lässt sich die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt nie stoppen. Das zeigt sich nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch in der Weltpolitik. Die WDR-Sendung Monitor hat am 7. Juni 2018 in dem Beitrag “Feindbild Russland: Wie der Westen die Konfrontation verschärft” berichtet:

Die jüngere Geschichte zeigt: Es war vor allem der Westen, der im Siegesrausch des Kalten Krieges russische Interessen immer wieder ignorierte — und daraus offensichtlich nichts gelernt hat, oder nichts lernen will.

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Paul Lockhart:

"Es gibt sicherlich keinen verlässlicheren Weg, Begeisterung und Interesse an einem Fach zu töten, als es zum Pflichtteil eines schulischen Curriculums zu machen. Es als Hauptbestandteil in standardisierte Prüfungen einzufügen, garantiert, dass das Schulsystem das Leben aus diesem Fach heraussaugt."

(aus "A Mathematician's Lament" von Paul Lockhart)

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Peter Fürstenau:

"Wo Kinder sich einer völlig vorgegebenen — noch dazu widersprüchlichen — Ordnung im wesentlichen nur einzufügen haben, entstehen als einzig möglicher Ausdruck ihres Freiheits- und Selbständigkeitsstrebens und ihrer Initiative „Disziplinschwierigkeiten“. Das ist aber bei Erwachsenen unter solchen Bedingungen nicht anders."

(aus: "Zur Psychoanalyse der Schule als Institution" von Peter Fürstenau)

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