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Digitalisierung: Holzauge, sei wachsam!

Veröffentlicht am 16. Oktober 201716. Oktober 2017 von Alexander Roentgen

“Alle reden von Digitalisierung. Führen sie etwas im Schilde?”, fragt Albrecht Müller von den NachDenkSeiten in seinem gleichnamigen Artikel vom 9. Oktober 2017 und stellt fest:

Im Vorfeld der Agenda 2010, der Riester-Rente, der Steuersenkungen für die Spitzenverdiener und Unternehmen redeten sie alle von Globalisierung und abwechselnd vom demographischen Wandel als angeblich völlig neuen Phänomenen.

Die Beschädigung der Arbeitslosenversicherung und der Gesetzlichen Rente wurde auf diese Weise vorbereitet. Was ich damals beobachtet und in „Die Reformlüge“ als Denkfehler und Mythen beschrieben habe, erscheint wie ein Déjà vu, wenn seit einiger Zeit aus dem Mund von Spitzenpolitikern immer wieder zu hören ist, die Digitalisierung sei die größte Herausforderung unserer Zeit. […]

Warum jetzt wieder ähnliche Einlassungen, mit einem anderen Begriff und zu einem anderen Phänomen: der Digitalisierung?

Erste Erklärung: Die zitierten Politiker/innen und andere mit ähnlichen Einlassungen glauben wirklich, es handele sich bei der Digitalisierung um ein neues umwerfendes Phänomen.
Zweite Erklärung: Sie wissen es nicht besser und plappern einfach modisches Gerede nach.
Dritte Erklärung: Sie wollen uns auf eine Art Agenda 2020 vorbereiten, also auf Änderungen im Arbeitsrecht und Sozialrecht zulasten der betroffenen Arbeitnehmer.

Am 11. Oktober erschienen daraufhin auf den NachDenkSeiten eine Reihe von Leserbriefen — ein paar Auszüge:

  • “Wie Sie meiner Meinung nach sehr richtig bemerken, ist das Thema wie aus dem Nichts auf der Tagesordnung. Die Digitalisierung Deutschlands sei nun plötzlich eine der grössten Herausforderungen, der das Land gegenübersteht (so z. B. Richard Precht bei Lanz). Letzte Woche hörte ich bei einer Ansprache vor überwiegend ‘Business-lastigem’ Publikum eine leitende Angestellte eines grossen Münchner Reinigungsunternehmens sagen, wie sehr in den nächsten Jahren bei ihnen das Augenmerk auf die Digitalisierung des Unternehmens gelegt werden wird. HääääH??????? Wohlgemerkt eine Firma die vornehmlich putzt. Das meine ich nicht abwertend, aber haben die noch keine elektronische Buchhaltung, haben die noch keinen Internetanschluss, Email….? Das wird damit wohl nicht gemeint sein. Aber was dann?” (Georg Hasta)
  • “Im Übrigen ist die Sache mit der Digitalisierung wiederum ein sehr schönes Beispiel dafür, dass – wie Globalisierung – es quasi natürliche Phänomene sind, gegen die man nichts tun kann. Niemand fragt, ob wir das auch wollen oder brauchen, was wir können. Ohnmächtiger können sich Politiker gar nicht darstellen, da sie sich als diejenigen verstehen, die eine Gesellschaft an das, was andere bestimmen, anzupassen haben. Insofern ist Politik eine permanente Anpassungsagenda.” (Otmar Preuß)
  • “Es ist merkwürdig genug, dass Politiker die Digitalisierung als Herausforderung bezeichnen und sie gleichzeitig vorantreiben. Sollte technischer Fortschritt nicht dazu dienen, die Lebensumstände zu verbessern, anstatt das Leben durch eine weitere ‘Herausforderung’ zu erschweren? Diese Frage wird gar nicht gestellt. Dank Taylorisierung wurde der Mensch Sklave der Maschinen und der Uhr, jetzt heißen die Maschinen Computer, Smartphone etc. Aber: Mittel müssen Mittel bleiben, das heißt Zwecken dienen. Die Zwecke setzt der Mensch.” (Alexander Roentgen)
  • “Die Digitalisierung meint die vollständige Möglichkeit der Überwachung der Bürger, aller Bewegungen, Geschäftsvorgänge, Meinungsäußerungen usw. Das wird vorbereitet durch die allmähliche Abschaffung des Bargeldes, bzw. zurzeit die Beschränkung des Bargeldgebrauchs, durch den Unterricht mit Hilfe von Laptops in den Schulen, durch die elektronische Gesundheitskarte, den elektronischen Personalausweis.

    Jeder Deutsche soll von der Digitalisierung begeistert sein, weil man ja so viel Papier, Arbeit, Geld und Zeit spart.” (Martin Radigk)

  • “Natürlich führen sie was im Schilde! Was genau sagt Ihnen die Bertelsmannstiftung. […] Die Studien [der Bertelsmannstiftung] zeigen vor allem, wohin die arbeits- und sozialpolitische Reise gehen wird, wenn wir sie zusammen mit Bertelsmann machen.

    Eine besondere Frechheit stellt das Szenario „Rheinischer Kapitalismus 4.0“ dar. Hier wird von einem sehr hohen Flexibilisierungsgrad sowohl auf Arbeitgeber- wie auch auf Arbeitnehmerseite geredet.
    Und darunter stellt sich die Bertelsmann vor allem eine erhebliche Zunahem an Freelancer-Tätigkeit vor. So werden wir ganz einfach alle Arbeitnehmerrechte los.” (Jürgen Helmschmidt)

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Paul Lockhart:

„Es gibt sicherlich keinen verlässlicheren Weg, Begeisterung und Interesse an einem Fach zu töten, als es zum Pflichtteil eines schulischen Curriculums zu machen. Es als Hauptbestandteil in standardisierte Prüfungen einzufügen, garantiert, dass das Schulsystem das Leben aus diesem Fach heraussaugt.“

(aus „A Mathematician's Lament“ von Paul Lockhart)

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Peter Fürstenau:

"Wo Kinder sich einer völlig vorgegebenen — noch dazu widersprüchlichen — Ordnung im wesentlichen nur einzufügen haben, entstehen als einzig möglicher Ausdruck ihres Freiheits- und Selbständigkeitsstrebens und ihrer Initiative „Disziplinschwierigkeiten“. Das ist aber bei Erwachsenen unter solchen Bedingungen nicht anders."

(aus: "Zur Psychoanalyse der Schule als Institution" von Peter Fürstenau)

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