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Philologen-Verband fordert Entlastungen für Lehrer, stimmt aber Belastungen zu

Veröffentlicht am 17. März 201631. Mai 2023 von Alexander Roentgen

Wie süß: Der Philologen-Verband Nordrhein-Westfalen (PhV NW) hat kürzlich eine Unterschriftenaktion gestartet: “Es reicht! Entlastungen jetzt!”. Genauer gesagt sind es die Vorsitzenden der PhV-Bezirke im Münsterland und in den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf (siehe hier, hier und hier). (Die PhV-Bezirke in den Regierungsbezirken Arnsberg und Detmold scheinen bei der Aktion nicht mitzumachen.)

Auf dem zugehörigen Protestplakat (hier das für den Regierungsbezirk Köln) ist zu lesen:

Auf der Personalversammlung am 12. November 2015 wurde es noch einmal mehr als deutlich. Immer neue Aufgaben werden Schulen aufgebürdet. Anerkennung und Wertschätzung fehlen. Die Landesregierung muss unseren Protest endlich ernstnehmen und handeln!

WIR [sic!] fordern:

  • eine Verringerung der Unterrichtsverpflichtung auf 23,5 Wochenstunden,
  • die Klassen- und Kursgrößen spürbar abzusenken, […]
  • das Kontingent an Entlastungsstunden für die Kollegien deutlich aufzustocken,
  • den Verwaltungsaufwand deutlich abzubauen und die ausufernde Konzeptomanie zu beenden, […]!

Die Unterschriftenlisten werden den Mitgliedern des nordrhein-westfälischen Landtages überreicht. DENN: [sic!] Lehrerinnen und Lehrer sind auch Wählerinnen und Wählern!

Wer hätte gedacht, dass Lehrer Wähler sind? Liebe Verbandsphilologen, es ist ja schön, dass Ihr das (offenbar schon lange) fordert. Aber woran liegt es, dass die Landesregierung Euren Protest nicht ernst nimmt? 2014 hatte die Ministerin für Schule und Weiterbildung zum Runden Tisch G8/G9 eingeladen. Dessen kleinkariert-sinnlosen Empfehlungen zur “Optimierung” von G8 hat auch der Philologen-Verband NW zugestimmt (siehe hier, S. 20). Was Friedhelm Lischewski in diesem Zusammenhang über die GEW NRW geschrieben hat (hier), lässt sich ohne Abstriche auf den PhV NW übertragen:

Es ist zum Haareausraufen: Der PhV macht jeden Tinnef mit, der in irgendeinem lichtlosen Kellerraum des Ministeriums zusammengestöpselt wird. Die Kolleginnen und Kollegen kommen sich großenteils vor wie das erwähnte Komiker-Duo; dass viele wegen Überlastung, die immer neue, häufig sinnentleerte Anforderungen mit sich bringen, krank werden, sei am Rande erwähnt.
Es ist insgesamt bei dieser Sorte Schulpolitik nichts zu sehen, was den Kindern und Jugendlichen nutzt und was die Kolleginnen und Kollegen in den Stand setzt, gelassener zu arbeiten. Das aber sollten die beiden Hauptrichtungen der Arbeit einer Bildungsgewerkschaft und vielleicht auch eines Philologenverbands (natürlich beschränkt auf das heilige Gymnasium) sein.

Liebe Verbandsphilologen, wie soll man Eure Forderungen nach Entlastungen ernst nehmen, wenn Ihr den Belastungen der G8-Optimierungsversuche zustimmt?

Im Übrigen: Unstrittige Forderungen nach Entlastung sind leicht formuliert; damit verscherzt man es sich mit niemandem; ein paar Unterschriften sind schnell gesammelt. Wie wäre es mal mit einem geharnischt-entschiedenen Protest gegen die elende Kompetenzorientierung, gegen den Einfluss der OECD auf das Schulwesen, gegen das Märchen der “individuellen Förderung”, gegen den neuen Kernlehrplan Mathematik und gegen den überflüssigen grafikfähigen Taschenrechner?
Wenn es ans Eingemachte geht, zeigt sich, dass der Philologen-Verband weder Biss noch Eier (Pardon: Rückgrat) hat. Wiederholt (seit 2014) haben wir den PhV-Vorstand über die Fixvektorpanne informiert. Öffentlich aufgegriffen hat er unseren Hinweis nicht. Das hätte ja die Landesregierung in Erklärungsnot gebracht. 2011, als es zu einer anderen Panne gekommen war, hatte die PhV-Parole noch gelautet: “Alle müssen sich darauf verlassen können, dass die Aufgaben konzeptionell und im Schwierigkeitsgrad nicht zu beanstanden sind. Der Philologen-Verband nimmt jedes Einzelschicksal sehr ernst. Bereits kleinere Verwerfungen im Abitur können für die betroffenen Schülerinnen und Schüler gravierende Folgen für ihre berufliche Laufbahn bedeuten.” (Siehe hier.)

Wie es aussieht, ist im PhV NW die eine oder andere opportunistische Person in “verantwortlicher” Position am Werke. Einen Lehrerverband, der rechtswidrige Prüfungen und Chancenungleichheit im Zentralabitur duldet, kann man nicht ernst nehmen. “Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er getreten wird” (Immanuel Kant).

Ein Schelm, der denkt, bei der Unterschriftenaktion des PhV handelt es sich um eine gut terminierte PR-Aktion in eigener Sache. Lehrer sind in der Tat Wähler — die Personalratswahlen 2016 stehen bevor, und da kann es nicht schaden, sich mit harmlosen Positionen ins Gespräch zu bringen, um sich ein paar Pöstchen zu sichern.

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Paul Lockhart:

„Es gibt sicherlich keinen verlässlicheren Weg, Begeisterung und Interesse an einem Fach zu töten, als es zum Pflichtteil eines schulischen Curriculums zu machen. Es als Hauptbestandteil in standardisierte Prüfungen einzufügen, garantiert, dass das Schulsystem das Leben aus diesem Fach heraussaugt.“

(aus „A Mathematician's Lament“ von Paul Lockhart)

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Peter Fürstenau:

"Wo Kinder sich einer völlig vorgegebenen — noch dazu widersprüchlichen — Ordnung im wesentlichen nur einzufügen haben, entstehen als einzig möglicher Ausdruck ihres Freiheits- und Selbständigkeitsstrebens und ihrer Initiative „Disziplinschwierigkeiten“. Das ist aber bei Erwachsenen unter solchen Bedingungen nicht anders."

(aus: "Zur Psychoanalyse der Schule als Institution" von Peter Fürstenau)

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