Bedenken gegen den Einsatz von KI in Unterricht und Abitur

“Menschliche Intelligenz, nicht KI, gehört ins Abitur.”

Die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, Dorothee Feller (CDU), weiß:

KI hat großes Potential für das Lehren und Lernen und wird aus dem Alltag unserer Schülerinnen und Schüler nicht mehr wegzudenken sein. Deswegen ist es wichtig, dass wir in der Schule innerhalb eines klaren Rahmens den sinnvollen Einsatz von KI erproben. Der Einsatz von KI wird eine Lehrkraft niemals ersetzen können, kann aber den Unterricht ergänzen: KI kann den einzelnen Schülerinnen und Schülern unmittelbares und direktes Feedback geben, gezielt auf ihre individuellen Stärken und Schwächen eingehen und sie damit in ihrem Lernprozess unterstützen.

So steht es in der Pressemittteilung des Schulministeriums vom 10.01.2025 mit dem Titel “Ministerin Feller: Unser KI-Pilotprojekt steht in den Startlöchern. Teilnehmende Schulen stehen fest: 25 Schulen aus ganz Nordrhein-Westfalen testen ab dem 2. Schulhalbjahr den Einsatz von KI in Mathematik und Deutsch”. In einer anderen Pressemitteilung (vom 16.01.2026 mit dem Titel “KI-Schulpreis für Wuppertaler Schule”) wird die Ministerin wie folgt zitiert: “Das Carl-Fuhlrott-Gymnasium zeigt mit seinem Konzept eindrucksvoll, dass Künstliche Intelligenz den Lern- und Lebensort Schule vielfältig bereichern kann. Davon profitiert natürlich die Schule selbst, davon profitieren aber auch andere Schulen.”

In der Schulmail des Ministeriums vom 14.11.2025 (Betreff: “Start der Initiative KI-Skilling.NRW”) heißt es:

KI hat für die Weiterentwicklung von Lehr- und Lernprozessen ein großes Potenzial. Daher gilt es, […] den sinnvollen sowie verantwortungsvollen Einsatz von KI an Schulen zu erproben. Die Fortbildungsinitiative [KI-Skilling.NRW; AR] hat zum Ziel, Sie beim Erwerb und der Erweiterung der erforderlichen Kompetenzen zu unterstützen, KI sicher, reflektiert und lernförderlich in Schule und Unterricht verantwortungsvoll einzusetzen.

In der Antwort des Ministeriums (vom 09.10.2025, Drucksache 18/16007) auf eine Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Franziska Müller-Rech (FDP) heißt es:

Als Vorsitzland der Arbeitsgemeinschaft KI der Kultusministerkonferenz erarbeitet Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit den anderen Ländern ein länderübergreifendes Verständnis von AI Literacy, um dieses in Prüfungswesen und Bildungspraxis zu überführen. […] Im Rahmen der geplanten Weiterentwicklung der gymnasialen Oberstufe in Nordrhein-Westfalen soll es erstmals für den Abiturjahrgang 2030 […] Möglichkeiten geben, KI gegebenenfalls auch bei alternativen Prüfungsformaten […] zu nutzen […]. […] Im Unterricht soll die Nutzung von und die Auseinandersetzung mit generativen KI-Systemen in angemessenem Umfang mit der Inkraftsetzung neuer Kernlehrpläne in allen Jahrgangsstufen der gymnasialen Oberstufe verpflichtend werden.

Der SPIEGEL eilte dem Ministerium zu Hilfe. Im Leitartikel “Künstliche Intelligenz gehört ins Abitur” der Ausgabe 45/2025 (29.10.2025, online hier) schreibt Armin Himmelrath:

KI-Einsatz im Abitur? Nordrhein-Westfalen will das möglich machen – und das ist gut so. […] Der Anspruch moderner Pädagogik kann schließlich nicht sein, die Jugendlichen in überkommene Lern- und Prüfungsformate
zu zwingen und damit die idealisierte Schulkultur vergangener Jahrzehnte gegen die Digitalisierung der
Welt zu verteidigen. Stattdessen müssen umgekehrt Unterricht und Prüfungsformate an die Welt des 21. Jahrhunderts angepasst werden.

Ralf Lankau, Professor an der Hochschule Offenburg, verfasste eine Replik auf Himmelraths Leitartikel: “Menschliche Intelligenz, nicht KI, gehört ins Abitur”. Darin ist zu lesen:

Die Argumentation [von Himmelrath; A.R.] ist so technikdeterministisch wie in der Sache falsch. […] Statt nüchterner Analysen und technischer wie historischer Einordnung gefallen sich einige Vertreter der schreibenden Zunft offenbar als Herolde der Tech-Konzerne – und blenden die Erfahrungen und Studien der letzten drei Jahre konsequent aus. […] Schulen sollten und dürfen nicht den Vorgaben und Interessen der IT-Wirtschaft und den Tech-Milliardären folgen, sondern müssen den entgegengesetzten Weg gehen: das Selber-Denken lehren und trainieren. Stift und Papier genügen, um Fragen zu beantworten, wenn man sich auf eine Prüfung vorbereitet hat. Folgt die Bildungspolitik hingegen den Vorgaben der IT-Wirtschaft und den Vorstellungen der Tech-Milliardäre, gehört sie zu den Totengräbern der Demokratie, wie es das „Project 2025“ vorsieht und z.B. David A. Graham, Rainer Mühlhoff oder Douglas Rushkoff explizit beschreiben.

In dem Artikel “KI und der Bildungsauftrag von Schulen”, veröffentlicht auf der Homepage der GBW e.V., ist in Bezug auf die Initiative KI-Skilling.NRW zu lesen:

Bemerkenswert ist dabei, wer für die konkrete Umsetzung verantwortlich zeichnet. Sie erfolgt im Rahmen der Initiative IT-Fitness. Hierbei handelt es sich um ein Projekt der Microsoft Deutschland GmbH als Teil einer Qualifizierungsinitiative. […] Der Internetauftritt IT-Fitness bietet im Rahmen der von Microsoft entwickelten Qualifizierungsmaßnahme u. a. eine Reihe von Informationen, Angeboten, Lernmodulen und Lernpfaden zu verschiedensten Themen der KI, auch ihrem Einsatz im Unterricht. […] In Anbetracht dessen weckt es nicht unberechtigte Bedenken, wenn einem global agierenden Konzern sowohl konzeptionell als auch inhaltlich derart weitreichend Einfluss auf die Umsetzung des staatlichen Bildungsauftrages gewährt wird, zumal wenn mit der Qualifizierungsmaßnahme die eigenen Produkte beworben werden.

Die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen wäre gut beraten, diese Bedenken ernst zu nehmen.

PS
Im Übrigen fordere ich immer noch die Einrichtung einer Ombudsstelle für Schülervertretungen. (Was ist wichtiger: das Pushen von KI oder die Behebung von innerschulischen Demokratiedefiziten?)

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