Humanisierung der Arbeitswelt ist offenbar kein Ziel der CDU/CSU-Fraktion

“Jeder soll sich am Arbeitsplatz wohlfühlen”: Das war einmal.

Vor gut drei Monaten habe ich der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag unter anderem Folgendes per E-Mail geschrieben:

1986 gab das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung das Büchlein “Politik für Arbeitnehmer” heraus (damals war Norbert Blüm Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung). Ein Kapitel darin trägt die Überschrift “Jeder soll sich am Arbeitsplatz wohlfühlen”. Dort heißt es (S. 94): “Für die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen ist die Qualität des Arbeitsplatzes genauso wichtig wie seine private Umgebung.” Auf den Seiten 96 und 97 geht es um die “Humanisierung der Arbeitswelt” (Scans hier):

Neue Techniken, neue Arbeitsabläufe und Produktionsverfahren erfordern auch neue Methoden, Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz zu vermeiden und zu beseitigen. Es geht darum, die Arbeit an die Fähigkeiten und Bedürfnisse des Menschen anzupassen und die menschliche Würde auch am Arbeitsplatz zu erhalten.

Deshalb gibt es das “Aktionsprogramm zur Humanisierung des Arbeitslebens”, das vom Bundesforschungministerium in Zusammenarbeit mit dem Bundesarbeitsministerium getragen wird. Dieses Forschungsprogramm hat in den vergangenen Jahren wichtige Beiträge zu mehr Menschlichkeit im Arbeitsleben geleistet.

Ausgangspunkt für dieses Programm war die Erkenntnis, daß der betriebliche Arbeitsschutz in seiner traditionellen Form heute nicht mehr ausreicht. Neben Arbeitsunfällen und den seit vielen Jahren bekannten Berufskrankheiten spielen neue Krankheiten und psychische Belastungen beim Arbeitsablauf eine immer größere Rolle. […] Auch die Einbindung in eine betriebliche Organisation, die wenig Spielraum für die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten läßt, trägt zur Belastung am Arbeitsplatz bei.

Das “Forschungsprogramm Humanisierung des Arbeitslebens” soll helfen, solchen und ähnlichen Belastungen auf die Spur zu kommen und nach Wegen zu suchen, sie abzubauen.

Was ist aus dem “Aktionsprogramm zur Humanisierung des Arbeitslebens” geworden? Sucht man auf Ihrer Homepage nach “Humanisierung”, findet man: nichts.

Sind Sie bereit, sich für eine Humanisierung der Arbeitswelt einzusetzen — dafür, dass jeder sich am Arbeitsplatz wohlfühlt, dass die Arbeit an die Fähigkeit und Bedürfnisse des Menschen angepasst wird, und dafür, dass die menschliche Würde auch am Arbeitsplatz erhalten wird? (Falls ja, bin ich gerne bereit, Ihnen oder der Bundesregierung dabei zu helfen.)

Bis heute habe ich darauf keine Antwort erhalten. Die Humanisierung der Arbeitswelt ist offenbar kein Ziel der CDU/CSU-Fraktion. “Jeder soll sich am Arbeitsplatz wohlfühlen”: Das war einmal. (Sucht man auf der CDU-CSU-Homepage nach “Humanisierung”, findet man: immer noch nichts.) Vergangene Woche habe ich den CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Georg Kippels aus Bedburg gebeten, die CDU/CSU-Geschäftsführung an meine Mail zu erinnen. Vielleichts hilft’s.

In meiner Mail hatte ich angesichts des “Herbsts der Reformen” im Übrigen auf ein paar Gedanken von Christoph Butterwegge, Didier Eribon, Heiner Geißler, Stefan Sell, Heiner Flassbeck und von Papst Leo XIV. hingewiesen. Letzterer schrieb in seinem ersten Lehrschreiben “Dilexi te”: “Es wird normal, die Armen zu ignorieren und so zu leben, als ob es sie nicht gäbe. Es erscheint als vernünftige Entscheidung, die Wirtschaft so zu organisieren, dass vom Volk Opfer verlangt werden, um bestimmte Ziele zu erreichen, die für die Mächtigen von Interesse sind.” Den vollständigen Wortlaut meiner Mail gibt es hier als PDF.

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